Sigismund von Herberstein: Ein Steirer in Russland

Aus Anlass einer historisch wirkungsmächtigen Reise des adeligen slowenisch-steirischen Diplomaten Sigismund von Herberstein im Auftrag des Kaisers nach Moskau vor 500 Jahren, fand am 30. und 31. Mai 2017 eine internationale Konferenz statt.

Die Konferenz wurde vom Ludwig Boltzmann Cluster Geschichte und näherhin seinem Grazer Institut für Kriegsfolgenforschung federführend organisiert und fand im schönen Ambiente des Meerscheinschlössels der Universität Graz statt. Unterstützt wurde sie von Kooperationspartnern und Fördergebern, wie der Universität Graz und der Kunstuniversität Graz, der Österreichisch-Russischen Historikerkommission, der Russischen Akademie der Wissenschaften, der Russische Staatliche Geisteswissenschaftliche Universität Moskau, dem Bundesministerium für Europa, Integration und Äußeres, dem Land Steiermark, der Stadt Graz und nicht zuletzt von der Familie Herberstein selbst. Dies trug zu einem sehr hochkarätig besetzen, abwechslungsreichen und internationalen Spektrum an Vortragenden und teilnehmenden Besucherinnen und Besucher bei. Willkommen geheißen wurden die Referentinnen und Referenten sowie die zahlreich erschienen Gäste von den Organisatoren: auf Seiten des BIK durch dessen Leiter Prof. Stefan Karner und stellvertretende Leiterin Dozentin Barbara Stelzl-Marx; auf Seiten der russischen Kooperationspartner von Alexander Tschubarjan, dem Leiter des Instituts für Globale Geschichte der Russischen Akademie der Wissenschaften.

Eröffnet wurde die Konferenz vom russischen Botschafter in Österreich, Dimitrij Ljubinskij, Botschafterin, Teresa Indjein, Leiterin der Kunstsektion im BMEIA, Bundesministerin a.D. Prof. Beatrix Karl als Repräsentantin des Landes Steiermark, Dr. Peter Piffl-Perčević als Repräsentant der Stadt Graz und Mag. Jürgen Busch als Repräsentant der Ludwig Boltzmann Gesellschaft. In ihren Gruß- und Eröffnungsworten hoben die Rednerinnen und Redner vor allem die Bedeutung der internationalen Forschungszusammenarbeit und der Kooperation gerade bei der wissenschaftlichen Erarbeitung eines gemeinsamen Geschichtsverständnisses und -bildes heraus. Ein derartiger wissenschaftlicher Austausch bilde über allgemeine oder tagespolitische Differenzen hinweg eine wichtige kulturelle und intellektuelle Brückenfunktion zwischen verschiedenen geographischen und politischen Teilen Europas.

Eine Überraschung aus den Archiven

Dabei konnten die Veranstalter gegenüber dem LBG-Vertreter mit einer Überraschung aufwarten: Das LBI Kriegsfolgenforschung bietet aufgrund seiner Zusammenarbeit mit russischen Forschungsstellen und Archiven als Service gegenüber der Allgemeinheit an, nach Informationen zu Österreichern, die im Zweiten Weltkrieg in sowjetische Kriegsgefangenschaft gerieten, zu suchen. Aufgrund einer entsprechenden Anfrage von Mag. Busch ist es dem LBI gelungen, ehemals sowjetische Personalakten über den Verbleib bzw. die Gefangenschaft von Verwandten von ihm – darunter sein Großvater – aufzufinden, zu übersetzen und sie ihm anlässlich seiner Eröffnungsworte bei der Konferenz in Kopie zu überreichen. Damit wurde dem Publikum auch demonstriert, wie die allgemeine Forschungsarbeit des LBI Kriegsfolgenforschung und die nachhaltig aufgebauten Kooperationen mit Forschungseinrichtungen in Russland auch in den Dienst von Betroffenen und der Öffentlichkeit gestellt wird.


Stefan Karner überreicht Jürgen Busch Kopien der russischen Akten über seinen Großvater

Die Bedeutung Sigismund von Herbersteins als Begründer der Russlandkunde

Im Mittelpunkt stand dann natürlich ganz der Protagonist der Konferenz: Mit Sigismund von Herberstein (1486–1566) erschloss vor 500 Jahren ein Österreicher im kaiserlich-diplomatischen Auftrag Russland für den Westen des Kontinents. Aus seinen zwei Reisen an den Hof der Moskowiter Großfürsten sind neben diplomatischen Berichten auch Reisbeschreibungen Herbersteins hervorgegangen, in denen die Menschen, ihre Sitten, Gebräuche und Werthaltungen geschildert wurden – darunter v.a. seine berühmte „Moskovia“. Obwohl er nicht der Erste war, der Russland-Kenntnisse in den Westen Europas transportierte und kommunizierte, so gilt er doch als der beste Repräsentant und Mitbegründer der Russlandkunde. Schlüssel für eine auch später noch wirkungsmächtige Rezeption der Herberstein-Quellen zu Russland waren – trotz zahlreicher Stereotype und eines kulturellen westlichen Überlegenheitsgefühls, deren sich auch Herberstein bediente – eine gewisse Authentizität durch persönliches Erleben und der direkte Kontakt und Austausch mit den Menschen, der durch seine herkunftsbedingten slawischen Sprachkenntnisse erleichtert wurde und ihm dadurch unmittelbar möglich war.

Dies wurde in kurzweiligen, wie wissenschaftlich tiefschürfenden Fachvorträgen zu Hebersteins Bedeutung, seinem Werk und zu seinem familiären Umfeld ausgelotet. Während Stefan Karner einleitend die konkreten Missionen Herbersteins nach dem damaligen Moskowien in den Jahren 1517 und 1526 vorstellte, bot Andreas Kappeller einen Überblick über Bedeutung und Stellenwert der „Moskovia“ Herbersteins in der internationalen (Russland-)Forschung der vergangenen 50 Jahre. Sodann zeichnete Walter Höflechner die Entwicklung der europäischen Bündnissysteme und des Gesandtschaftsweses zur Zeit Herbersteins nach und ermöglichte so eine Einordnung der Rolle und der diplomatischen Zwecke Herbersteins Russland-Missionen im politischen Gefüge der damaligen europäischen Macht- und Herrschaftsverhältnisse und der daraus resultierenden strategischen Interessen. Der Vortrag von Inessa Magilina aus Volgograd erweiterte diese Einordung um die spezifische Frage der „türkischen Gefahr“ für die vom osmanischen Expansionsstreben unmittelbar betroffenen Mittel- und Osteuropäischen Reiche. Gerhard Pferschy ging anschließend auf die Bedeutung Herbersteins als (Mit-)Begründer der neuzeitlichen Russlandkunde ein. Regelrecht kriminalistisch spürten dann Christine Harrauer und Reinhard Frötschner den Ereignissen und Ursachen rund um die Moskauer Brandkatastrophe von 1547 nach. Dazu hatte Herberstein Informationen des weltreisenden polnischen Händlers und Bankiers Seweryn Boner erhalten und im Mittelpunkt der Interpretation der Quellen und der anschließenden Diskussion stand die Frage nach den dort angesprochenen Spekulationen um der Rolle des Zaren Iwan „des Schrecklichen“ als Brandstifter. Oleg Kudrjavtsev unterzog in seinem Beitrag stereotype Wahrnehmungen Russlands durch Herberstein, insbesondere in seiner „Moskovia“, einer detaillierten und kritischen Analyse und konnte so ein differenziertes Bild von deren zeitgenössischen wie aktuellen Quellenwert zeichnen.

Herberstein als "Retter" des steirischen Kulturerbes 1945

Dass mintunter stereotype Zuschreibungen der Überlieferung und Rezeption des Russland-Werkes von Herberstein seiner bis heute reichenden Bedeutung und breiten Bekanntheit auch und gerade in Russland selbst kaum Abbruch getan hat, führte das Referat von Barabara Stelzl-Marx zu Herberstein als spätem „Retter“ steirischen Kulturerbes im Zuge der Befreiung des steirischen Herberstein-Schlosses durch die Rote Armee 1945 eindrucksvoll vor Augen: Da Herberstein und seine Russlandkunde gebildeten Russen durch den Schulunterricht bis ins 20. und 21. Jahrhundert ein Begriff geblieben ist, war auch dem sowjetischen Kommandeur jener Armeeeinheit, die 1945 zuerst Schloss Herberstein erreichte, bald klar, um welche Familie und welchen bedeutenden Russlandbezug es sich handelte. Aus Anerkennung und Respekt vor der Bedeutung des frühen Russland-Chronisten für die eigene Geschichtsschreibung und -kenntnis ordnete er an, dass das Schloss unversehrt bleiben müsse. So blieben zahlreichen steirischen Kunstgegenstände, die während des Krieges aus Sicherheitsgründen von Graz nach Schloss Herberstein verbracht und dort gelagert worden waren, verschont und konnten nach dem Krieg wieder vollständig in die Grazer Archive und Museen zurückkehren.

Abgerundet wurde der wissenschaftliche Teil der Konferenz durch Beiträge zur weiteren historiografischen Rezeption Herbersteins und seiner Familie. Dieter Bacher setzte sich mit den „Erben“ des Protagonisten in der neuzeitlichen und modernen Russlandkunde in der deutschsprachigen Russlandforschung auseinander und somit auch mit dem Fortwirken der Schriften Herbersteins. Marija Wakounig bot Einsichten in die familial-kulturelle Herkunft Sigismunds von Herberstein und ging dabei vor allem auf die slowenische Prägung des werdenden Diplomaten und kaiserlichen Gesandten ein – ein Umstand der sprachlich mitentscheidend für seinen Einsatz gerade in den kaiserlichen Russland-Gesandtschaften und somit seine Möglichkeiten, Russland zu bereisen, war.

Ein Mitglied der Familie Herberstein, Johann Georg Herberstein, selbst war es dann, der den Teilnehmerinnen und Teilnehmern seine historische Familie, ihren Einfluss und ihre Bedeutung für die Geschichte der Steiermark und Österreichs resümierend vorstellte und einen unmittelbaren Eindruck von ihrem heutigen Selbstverständnis und vom Umgang mit dem historischen Erbe und der Familientradition vermittelte.

Besuch auf Schloss Herberstein

Am zweiten Tag der Konferenz stand ein „Lokalaugenschein“ auf Schloss Herberstein im steirischen Stubenberg auf dem Programm. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer wurden vom eigens aus London angereisten aktuellen Schlossherrn Maximilian Herberstein empfangen. Eine ausgedehnte Führung durch das Anwesen bot die Möglichkeit, weiter in die Familiengeschichte und die historischen Lebensumstände einzutauchen. Ein großer Familienstammbaum, in dem der selbst kinderlose Sigismund noch Jahrhunderte nach seinem Wirken deutlich hervorgehoben ins Zentrum des Gemäldes gesetzt wurde und damit seine große historische Bedeutung und Vorbildwirkung auch innerhalb der weitverzweigten Familie Herberstein hervorstreichend, ein Original der „Moskovia“ als Ausstellungsstück und vieles weitere Sehenswerte wussten die historisch versierten Gäste zu beeindrucken und trugen zu einer gelungenen Abrundung der Konferenz bei.

An den Abenden luden einmal der Landeshauptmann der Steiermark in die Grazer Burg und einmal der Bürgermeister der Stadt Graz ins Rathaus zum Empfang.

(Text: Jürgen Busch)