Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung feiert 25 Jahre und bekommt mit Zeithistorikerin Stelzl-Marx neue Leitung

Beim Festakt am 2. März 2018 in der Aula der Grazer Karl-Franzens-Universität stellten sich mehr als 500 GratulantInnen ein und die Leitung des Instituts wurde an die langjährige stellvertretende Institutsleiterin und renommierte Zeithistorikerin Barbara Stelzl-Marx übergeben.

Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka hielt den Festvortrag, Bundeskanzler a.D. Wolfgang Schüssel und Altrektor Wolf Rauch hielten die Laudationes. Neben FachkollegInnen wie dem Doyen der deutschen Zeitgeschichte Horst Möller oder dem Rektor der Moskauer Geisteswissenschaftlichen Universität Alexander Bezborodov sprachen die Landeshauptleute Schützenhöfer und Mikl-Leitner, der Grazer Bürgermeister Siegfried Nagl, der Vorsitzende des Österreichischen Zukunftsfonds Kurt Scholz oder die Geschäftsführerin der Ludwig Boltzmann Gesellschaft, Claudia Lingner. "Wir gratulieren Stefan Karner und seinem Team zu 25 Jahren wertvoller Arbeit auf dem Gebiet der Zeitgeschichte und zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses", so Lingner in ihrer Ansprache.

 

Mit "Krieg. Folgen. Forschung" erscheint ein Best-of der Schriften Karners, unter dessen Leitung das Institut ein führendes Zentrum für Zeitgeschichte wurde

Den beiden Geburtstagskindern – Stefan Karner wurde vor kurzem 65 – wurde beim Festakt eine besondere Überraschung überreicht: Eine Festschrift mit einer Auswahl aus dem wissenschaftlichen Oeuvre des langjährigen Institutsleiters zu politischen, wirtschaftlichen und sozialen Kriegsfolgen im 20. Jahrhundert. Es war im Jahr 1991, als Stefan Karner als erster westlicher Historiker Zugang zu den damals noch streng geheimen sowjetischen Archiven erhielt. Dort lagerten die Personalakten von rund 130.000 Österreichern, die während des Zweiten Weltkrieges in sowjetische Kriegsgefangenschaft geraten waren. Der Grundstein für die Forschungen des zwei Jahre später von der Ludwig Boltzmann Gesellschaft gegründeten Ludwig Boltzmann Instituts für Kriegsfolgenforschung war gelegt. Über 10.000 ÖsterreicherInnen haben in dieser ersten Phase unmittelbar von den Recherchen profitiert und Auskunft über das Schicksal ihrer in sowjetischer Gefangenschaft festgehaltenen Angehörigen bekommen. Tausende kamen in den folgenden Jahren dazu. "Wir konnten als Historikerinnen und Historiker mit unserem wissenschaftlichen Werkzeug tatsächlich Tausenden Menschen letzte Gewissheit über das Schicksal ihrer Angehörigen geben", betont Stefan Karner, der das Institut 25 Jahre leitete. Der Band "Krieg. Folgen. Forschung" ist bei Böhlau erschienen und ab heute im Buchhandel erhältlich.

 

Forschung, Vermittlung und Service

Ausgehend von diesen ersten Arbeiten über Kriegsgefangene des Zweiten Weltkrieges sind in den vergangenen 25 Jahren zahlreiche Forschungsthemen hinzugekommen, die internationale Beachtung gefunden haben. Zu den Highlights gehören neue Erkenntnisse zum Kalten Krieg. Durch den Zugang zu jahrzehntelang geheim gebliebenen Akten in Moskauer Archiven konnten erstmals zentrale Fragestellungen wie die Innensicht der sowjetischen Besatzung in Österreich, der Wiener Gipfel 1961 (Kennedy-Chruschtschow), die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 oder der Zerfall der Sowjetunion 1991 beleuchtet werden. Auch im Bereich der Intelligence Studies wurde ein wesentlicher Beitrag geleistet, etwa die Aufarbeitung des Schicksals von rund 100 ÖsterreicherInnen, die zwischen 1950 und 1953 vor allem wegen antisowjetischer Spionage von sowjetischen Militärtribunalen zum Tode verurteilt und hingerichtet wurden. Heute erinnert ein Gedenkstein in Moskau an diese letzten Opfer Stalins.

 

Forschung zu Besatzungskindern führt zu Enttabuisierung

Wichtige Forschung wurde auch zu "Kindern des Krieges" durchgeführt. Barbara Stelzl-Marx, die aktuell ein EU-Projekt zu "Children Born of War" leitet, resümiert: "Lange galten Besatzungskinder als Kinder des Feindes, die von einer Mauer des Schweigens umgeben waren. Durch die Wissenschaft finden eine Enttabuisierung und Vernetzung von Besatzungskindern statt." Weitere Schwerpunkte der Tätigkeit des Instituts bildeten Flucht und Vertreibung, die Steiermark im 20. Jahrhundert oder die nationale Frage in Kärnten.

Mehr als 100 Bücher mit insgesamt 45.000 Seiten und 600 Artikel entstanden am Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung in den letzten 25 Jahren. Neben dem Hauptstandort in Graz gehören auch Filialen in Wien und Raabs zum Institut, an dem zurzeit rund 15 wissenschaftliche MitarbeiterInnen forschen.

Zu den Highlights des Instituts zählen auch die großen Ausstellungen, die Stefan Karner wissenschaftlich leitete, etwa das 2017 eröffnete Haus der Geschichte im Museum Niederösterreich und die Landesausstellung in Niederösterreich "Österreich. Tschechien. geteilt – getrennt – vereint" mit über 400.000 BesucherInnen. Sie wurde erstmals grenzüberschreitend in Horn, Raabs an der Thaya und Telč durchgeführt. Bei der Staatsvertragsausstellung auf der Schallaburg im Gedenkjahr 2005 konnte zum ersten Mal das Original des Österreichischen Staatsvertrags von Moskau nach Österreich gebracht werden. Eine Ausstellung zum Lager Graz-Liebenau, einer Zwischenstation ungarischer Jüdinnen und Juden auf dem Weg ins Konzentrationslager Mauthausen im April 1945, bereitet Stelzl-Marx mit ihrem Team gerade vor.

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Fotocredit: Alexander Danner

 

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Die Ludwig Boltzmann Gesellschaft (LBG) ist eine Forschungseinrichtung mit thematischen Schwerpunkten in der Medizin und den Life Sciences sowie den Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften und stößt gezielt neue Forschungsthemen in Österreich an. Die LBG betreibt zusammen mit akademischen und anwendenden Partnern aktuell 19 Ludwig Boltzmann Institute und entwickelt und erprobt neue Formen der Zusammenarbeit zwischen der Wissenschaft und nicht-wissenschaftlichen AkteurInnen wie Unternehmen, dem öffentlichen Sektor und der Zivilgesellschaft. Gesellschaftlich relevante Herausforderungen, zu deren Bewältigung Forschung einen Beitrag leisten kann, sollen frühzeitig erkannt und aufgegriffen werden. Teil der LBG sind das LBG Open Innovation in Science Center, das das Potenzial von Open Innovation für die Wissenschaft erschließt, das LBG Career Center, das 200 Pre- und Postdocs in der LBG betreut, und zwei neue Forschungsgruppen zum Thema psychische Gesundheit von Kindern. In der Ludwig Boltzmann Gesellschaft sind insgesamt 550 MitarbeiterInnen beschäftigt.

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