"1938. Der „Anschluss“ im internationalen Kontext": Publikation des LBI für Kriegsfolgenforschung

Über Nacht verschwand 1938 ein Staat mitten in Europa von der Landkarte: Österreich. Der Sammelband des LBI für Kriegsfolgenforschung zeichnet erstmals umfassend die komplexe internationale Lage im Zusammenhang mit dem „Anschluss“ Österreichs nach, berücksichtigt die Reaktionen seiner Nachbarstaaten und die unmittelbaren Auswirkungen des „Anschlusses“ auf die österreichischen Juden.

Die Bücher zum „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich, seine Aus- und Nachwirkungen, seine Vorgeschichte und Durchführung füllen Bibliotheken. Weitgehend fehlt dabei jedoch der internationale Kontext, die Perspektive der Großmächte und kleinerer Staaten. Denn der „Anschluss“ verstieß gegen internationales Recht. Da Österreich aber auf sein Recht auf Selbstverteidigung verzichtet hatte, hätten die Großmächte zwar eine rechtliche Handhabe gegen Hitler-Deutschland gehabt, um in den Krieg zu ziehen, einen solchen hätten die Bevölkerungen der Staaten aber wohl nicht mitgetragen. Erst als Deutschland am 1. September 1939 Polen überfiel, zog Großbritannien in den Krieg.

Allgemein bekannt ist, dass Mexiko als einziges Land der Welt beim Völkerbund schriftlich protestierte. Der Mexikoplatz in Wien erinnert bis heute daran. Chile prangerte am 11. März 1938 im Völkerbund an, dass „das Verschwinden eines Mitgliedsstaates“ (Österreichs) im Völkerbund kein Echo gefunden hatte. Der spanische Delegierte erklärte in Genf im September 1938: „Es sei wenigstens der spanischen Delegation gestattet, einen Blick entrüsteten Protestes zu dem Sitz hinzuwerfen, den einst die österreichische Delegation eingenommen hat.“

Und die Großmächte? USA, Großbritannien, Frankreich, die Sowjetunion?  Moskau forderte am 18. März 1938 erfolglos die Großmächte zu kollektiven Maßnahmen gegen das Deutsche Reich auf, danach nochmals im Format des Völkerbundes. Die USA und Frankreich akzeptierten den „Anschluss“ de facto, Großbritannien – trotz eines formellen Protestes – auch de jure.

Der italienische Diktator Mussolini, der noch 1934 nach dem Putschversuch der Nationalsozialisten in Wien als Drohgebärden Truppen am Brenner aufmarschieren ließ, war inzwischen mit Hitler verbündet. Ungarns Horthy verkündete im Radio: „Ein alter Freund von uns, den die Friedensverträge in eine unmögliche Situation gebracht hatten, vereinigte sich mit einem anderen guten Freund und treuen Waffenbruder von uns. Das ist alles, nichts anderes ist aus unserem Gesichtspunkt passiert.“ In Belgrad hatte man eine Rückkehr der Habsburger nach Wien mehr gefürchtet als NS-Deutschland. Jugoslawien akzeptierte den „Anschluss“ und bemühte sich zunächst, neutral zu bleiben.

Am besorgtesten war man in Prag: Im Herbst 1938 gaben die Westmächte auf Kosten der Tschechoslowakei nach und stimmten einer Abtrennung der Sudetengebiete zu – und hofften noch, Hitler ginge es nur um die Einverleibung deutschsprachiger Gebiete.

Der „Anschluss“ führte zu keinen Sanktionen, zu keinen weitergehenden Maßnahmen. Er wurde hingenommen. Die Gründe waren vielschichtig. Sie zu erhellen, ist das Ziel des Sammelbandes, der erstmals umfassend die komplexe internationale Lage rund um den „Anschluss“ Österreichs nachzeichnet.

 

1938 – Der „Anschluss“ im internationalen Kontext. Herausgeber: Stefan Karner, Peter Ruggenthaler. Veröffentlichungen des Ludwig Boltzmann Instituts für Kriegsfolgenforschung, Graz - Wien - Raabs, Sonderband 20.