Lager Liebenau: Erinnerungstafel mit digitalem Rundgang in Graz vorgestellt

 Nach über 75 Jahren nach Ende des Zweiten Weltkrieges erinnert nun eine vom Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung konzipierte Gedenktafel mit digitalem Rundgang an die in Liebenau verübten Gräueltaten des NS-Regimes. Diese wurde gemeinsam mit einem eigens gestalteten Film am 11. September 2020 der Öffentlichkeit präsentiert und ist ein weiterer, wichtiger Beitrag wider das Vergessen in Graz. Der digitale Rundgang kann über eine App vor Ort oder unter https://www.culturalplaces.com/de/tour/lager-tour besucht werden. Der Film ist auf www.graz.at/lagerliebenau und www.bik.ac.at abrufbar.

Das Lager Liebenau, das größte Zwangsarbeiterlager in Graz, wurde 1940 als Umsiedlerlager V gegründet. Im April 1945 war der Komplex eine Zwischenstation ungarischer Jüdinnen und Juden auf ihren Evakuierungsmärschen ins Konzentrationslager Mauthausen. Mindestens 34 Personen wurden hier erschossen. Nach dem Prozess vor einem britischen Militärgericht 1947, bei dem wegen Kriegsverbrechen zwei Todesurteile ausgesprochen wurden, wuchs – im wahrsten Sinne des Wortes – Gras über dieses dunkle Kapitel der Grazer Zeitgeschichte. Erst in den letzten Jahren ist ein gesteigertes Interesse am Lager Liebenau zu beobachten. Die im Rahmen der Vorarbeiten für das Murkraftwerk Graz von der Energie Steiermark und der Stadt Graz im Jahr 2011 geförderte wissenschaftliche Aufarbeitung zum Lager Liebenau und zivilgesellschaftliches Engagement – u. a. jenes des Grazer Mediziners Rainer Possert – wurden durch Medienberichte, archäologische Untersuchungen und weitere Forschungsarbeiten begleitet. Inzwischen ist das ehemalige Lagerareal als Bodenfundstätte deklariert. Offen ist die Frage, ob noch Opfer unter der Erde liegen.

Barbara Stelzl-Marx, Leiterin des Ludwig Boltzmann Instituts für Kriegsfolgenforschung und Professorin für Zeitgeschichte an der Uni Graz, leitete das Projekt: „ Wie das Vergessen verhindert werden kann, ist eine Diskussion, der sich jede Generation erneut stellen muss. Die Erinnerungstafel mit digitalem Rundgang ist ein wichtiges Zeichen am ehemaligen Lager Liebenau, das zur Auseinandersetzung mit diesem dunklen Kapitel der Grazer Zeitgeschichte einlädt. Die lange verdrängten Spuren des Holocaust vor unserer Haustür werden somit sichtbar gemacht.“

Für mehrere Aspekte der menschenverachtenden NS-Ideologie und des Umgangs mit ihrem Erbe ist das Lager Liebenau ein Sinnbild. Das Areal wird ein Ort verdichteter Geschichte:

  • Verführt: das Lager als Ort der „Volksgemeinschaft“
  • Verschleppt: das Lager als Ort der Zwangsarbeit
  • Vernichtet: das Lager als Tatort der Endphaseverbrechen
  • Verurteilt: das Lager als Tatort gesühnter NS-Verbrechen
  • Vergessen: das Lager als Ort verdrängten Unrechts

Das Projekt wurde von der Stadt Graz, dem Land Steiermark und der Energie Steiermark gefördert.